Gedichtpatenschaft

Leserinnen und Leser schließen zum Jubiläum Patenschaften für Wolfgang Hilbigs Gedichte ab.

Eine Patenschaft beinhaltet 50 schön gestaltete Postkarten mit Ihrem Gedicht und dem Urkundentext – er weist Sie als Patin oder Paten des Gedichtes aus – auf der Kartenrückseite. So können Sie ein Gedicht des großen Lyrikers Wolfgang Hilbig Ihr Eigen nennen (kein Gedicht wird zweimal vergeben). Via Postkarte, die natürlich auch Platz zum Schreiben enthält, machen Sie das Gedicht und Ihre Patenschaft weithin bekannt!

Zur Wahl stehen alle Gedichte mit bis zu 48 Zeilen. Sie entscheiden sich für ein auf dieser Seite vorgestelltes Gedicht oder wählen ein anderes. Und so funktioniert die Gedichtpatenschaft:

  • Sie wählen Gedicht und Postkartenmotiv, tragen beides in das Formular unten ein und senden es ab. Danach setzen wir uns mit Ihnen in Verbindung.
  • Die Gedichtpatenschaft kostet 100 Euro, die als Spende zu verstehen sind (inkl. Bescheinigung). Ihre Spende fließt in die Abdruckrechte und 50-fache Nutzung, die Fertigung der Karten und den Versand, ein Übriges in die Ausgestaltung des Jubiläumsjahres, das Sie so gleichfalls unterstützen.
  • Fragen zur Aktion gern auch telefonisch unter 0341 357 20 25.

die gewichte zum pflaumenabwiegen liegen auf ihrem platz in der küche zylindrische schwarze eiserne gewichte als in galizien das währungssystem erfunden wurde kam mein großvater des lesens und schreibens unkundig und verzweifelt (so viele werst entfernt von wien warfen die zahlen mythische schatten und säten nichts aus) nach europa trug den honigduftenden samen für meine mutter meine onkel und tanten vorbei an den habsburgern hierher grub nach schwarzer sächsischer kohle fürs abendland wie das steppengras zischte und die halme sich rieben so klangen seine polnischen flüche in seinem lachen grollten hufe und gewitter seine stirn ein feuer wetterleuchtete fern die rote kolchis unwissend und tief im orkus. meine mutter unter allen umständen wollte deutsch werden doch war ihr haar von der farbe des honigs der aus den früchten floss. ich habe von den deutschen das lesen und schreiben von meinem großvater die art zu sehen scharf wie den deutschen weibern das rohsa fleisch durch die haut scheint und die lust den honig in der stille zu riechen. grovater kaufte (von seinem kohlegeld) einen wüsten garten am tagebau und die gewichte sie werfen ihre schatten im gelben licht der sonne durchs fenster bricht der abend tropft süß und klebrig und er duftet die gewichte liegen in der küche herum wer drauftritt schlägt lang aufs kreuz fällt tiefer und tiefer.

*Der Hügel Schatten in dir* ... sie werden heller und leiser huschen die flüchtigen Hauche auf den versenkten Straßen dahin – das Ungesagte das Ungestalte: wuchernd nimmt es wieder zu. Gegen Abend wenn die Hitze nachläsßt die Erlaubnis den Garten zu betreten in Abwesenheit Gottes und zu atmen und das Gewind fragiler Pfade nachzuziehn den Kreis der geisterhaften Fährte zu ertasten unzeitig berührt von einem Blick aus dem oberen Fenster – in Abwesenheit des Verwalters schäumt das Dickicht um das nackte Schwarz einer weiblichen Form in der Mitte das blendende Blattwerk feiert den Sommer und zeugt sich fort in rasender Ergriffenheit in Gattung und Inzucht und Ausstoß von Seele. Das Ungeformte kehrt zurück das Unterlassne entsteigt dem grauen Überfluß an Stille – und am Abend die Hügel hinter uns bewachen im Schatten ihr Licht.

Jeder lauscht seiner eigenen See: und du kennst nicht die meine doch die Klage in mir sie spricht mit deiner Stimme auch ... ein rauher Vogelschrei vor hundert Jahren der immer weiter flog und jeden Raum verließ und weiter gefärbt vom Widerschein der See in unerhörte Höhen sank hinauf wo nur noch Licht die Stimme trägt wo leichte Sphären sacht die unbewegten Flügel lenken wo Ruhm und Klage nur noch ihrer selbst gedenken.

langsam gehen ist gut – um langsam den nächtlichen einweg zu finden – langsam in den abendhauch verwandelt einatmen den schwarzen glanz des regens das so blaue haar einer geliebten gedankenvoll gehen hinter dem eignen schatten einher – im braunen blutduft feuchter bäume träumen daß es wasser ist was an die brust pocht wenn die dunklen vögel dieser wildnis ruhen wenn im schlaf sich windet am wege das fahrige gras des grams – was war es o nacht was hat mir in diesem gras so grausam meinen schatten zerrauft – oder war es dein schatten – war es der schatten dieser nassen nacht der mir diesen braunen augenblick vorausging einen baum weit einen blauen anruf weit?

Ich schrieb ich schrieb: niemand der schrieb – in der Kulisse meines Zimmers: ohne alt zu werden während Wetter sich entzweiten Donner flammte und Gischtgekritzel überfiel das Fensterglas und betäubender Regen löschte mir den Traum Regen wie Schlaf darin ich die Bäume versinken sah ... der Wald verging der mich erfunden trieb fort verhüllte sich im Niederschlag des Schlafs – erst als Gespenst werd ich ihn wiedersehn am Rand der Vorzeit werd ich wieder unter Bäumen sein (dort wo der Ginster gelb ins Blau stach und wo sein bittres Licht die Sonnenscheibe schwärzte sein Gelb das sonderbarem fernem Gkockenläuten glich: in meiner Jugend meinem abgewandten Irresein.) Ich schlief mit dem Regen bis tief in den Abend ich schlief und schlief: niemand der schlief ... ich schrieb im Schlaf und schlief im Traum: und bis zurück zum schwefelgelben Saum am Horizont der Kindheit träumte ich den Traum.

Welche Ellipsen des Schweigens versunken inmitten uralter Weinberge im glasigen Licht eines nachtlosen Sommers: Glutatem bewegte die Dünung der Stille – unendliches Ausharren des Nichtseins am Tisch und Fäden spannen sich vom Rand einer Tasse (Kaffee – in Schichten versandet) aufwärts zu den ausgebrannten Lampenschirmen ... hellgrüne Spinnen auf ihrer Kreuzfahrt hievten sich von Planet zu Planet elektrisch vor Allmacht seit Tagen drehten sich schwankend die Bilder.

Die Ankunft in der Zeit die dein war: sie mißlingt mit jedem Schritt der dich vorbeizugehen zwingt an dem was du erdacht hervorgerufen hast dort wo gewirkt aus bleichem Staub ein Wehen nach dir faßt geht Spuk der Nacht und deiner toten Ahnen Macht – nun reite oder fahr oder auch eile dich zu fuß voran ... ach dir zur Seite ist die trübe Mahr und rührt dich an. Du bist nicht mehr das Kind das jener Gott ersann der sich dort im Gezweige birgt und der dir winkt. Geh weietr wend den Blick von diesem Irrstern der dir blinkt aus Schatten und aus dem Gespinst das Neben spann – Wegfahrer halt bei den düsteren Erlen nicht an.

Ach wenn April mit milden Schauern des Lebens dürre Ader bis zur Wurzel badet und Zephyrs süßer Atemhauch die Triebe all in Wald und Feld zu kurzem Dauern ladet und schon die junge Sonne halb den Bogen vom Widder bis zum Siergehörn durchzogen und wenn Erinnerung aus fließendem Verfall den Blick erhebt: wie Vögel nachts mit offnen Augen schlafen – o dann beginnt die Zeit auch mir den Sinn zu weiten: Vergangenheit die nicht gelebt Winter da wir uns nicht trafen sind nichtig wenn ein altes Herz sich neu erhebt. Noch mit gebrochnen Lyren und vom Frost verstimmten Saiten: auf deinem Ufer blumenreich entfaltet von Gezeiten muss ich mit Sonnenlicht gerüstet dir entgegenreiten.

die bagger blieben die dörfer sind fort ein dürstender der sonnen flieht und wolken so floh aus jedem dorf der teich morast schwarz aufgeschlagen lag am wege ein durst von lila fliegenschwärmen flog ein durst von stäubender zerstampfter kohle über wiesen ein blättergras von wildem roten rost blühte von hängen mir war der abend nah trockene gewitter scheiterten in hellen himmeln unfarben ein verstörtes mittagslicht in fremdes feld geworfen mir war der abend nah mir wollte der schlaf nicht nahn schon nächtelang gerüche warn in mir erstickt und brannten geruch von arbeit fertig und vertan die dörfer teichgerüche zogen mich in tagebaue der dörfer dasein war in mir verworren und gespalten die feuerluft der tage war der flammenschatten jener nächte glutsinne flammennerven bauten verflogner mauern spiegelungen auf die dörfer fort die bagger blieben wittern faulen langsam in die erde die erde ebnet sich die dunkle krone treibt den dorn die schattennamen spalten sich erinnerung stieß durst in meinen leib und warf mich in den wahn des abends der den kopf mir rollt geflohnen teichen hin wo straßen schienen schlaflos früher jahre steigt die vision von wassern die das frührot spaltet glühend in meiner seele langen sommern.

schickt mein im gefängnis abgeschnittenes haar nach auschwitz gefallene tollen mein reichtum mein stolz sollt ihr nichts als kehricht sein seideglänzend rings um den friseurstuhl (wofür so lange sah ich aus wie novalis wie hölderlin) schickt meine locken nach auschwitz die schere des meisters tat mir nicht weh (nach einem halben jahrhundert praxis beherrscht man sein handwerk) und endlich ist wieder ordnung um meinen kopf nun sammelt auf meinen blonden verstand schickt ihn nach auschwitz verwebt meine flechten den bergen frauenhaars die dort liegen vergeßt nicht vermengt mein haar diesem dichten fortatmenden duft laßt es wachsen darin laßt meine liebe wachsen die hier nicht wuchs diese liebe laßt blitzen laßt wehen verschlungen dem kostbaren haar dieser welt.

und ich habe vor mir abend und morgen mein war das reich ich habe ausgetrunken – ja ich bin unendlich berauscht an einer langen nacht ich habe dir gesandt eine schwarze libelle eine botin fühle dich nicht entsetzt von meiner seite bleibe mein schatten während ich mähe lichtsichel und nachthaken in der faust zu bündeln ein reisig von blitzen in blauem donner dunkelschilf vor scherben die dir leuchten werden deine zertrümmerten fenster ich habe sie zerstört deinen hausrat zerschlagen deine betten geschlitzt deinen schlüssel zerbrochen die schwelle beschmutzt: ich doch siehe ein geschlossenes tor es ist das meine – sieh das getigerte feuer auf den hügeln scheut sich die schwarze libelle so geh nicht hindurch verbrennt sie sich aber so quere auch du die hölle ufer auf ufer und küsten von gift und blut und totes moor dann aschemeere und ein sturm von aufgestauten flammenwirbeln unter einer himmelsmauer eine betonierte nacht durchdringe sie mit deinem leib dann bist du drüben dann tritt in dein grab grenzen die du vergaßest sie eilen dir nach – nun hast du mir genug gegeben wurzel und kraft bezahlt für das licht deiner augen nun gib es zurück daß ich dir formen kann den kreis darin zu dürsten nach einer gestalt und sei es nach der einer ratte die pfeifend den tod lobt. kyrie: söhne dich wieder aus mit mir empfange meine gnaden.

mein gehirn war eine alge lichtgrüner trennender schmerz in früher wasserzeit steine schliffen sich hohl an ihr der sand zerstörter steine auf dem erhellten grunde ging er ohne schmerzen versandend eine nesselscharfe alge war mein gehirm das sich zerschnitt in zellen die nahrung zogen aus zersprungener sonne die am ufer schwamm und in die höhe wuchs

azur genug den erdkreis zu umgürten bleibt aus der einsicht vorm auge der einfalt. o blau aus der vergossnen nacht des kapitäns des tage alten segeln gleich zersprengt fegten über einen kieloben treibenden kontinent voller falscher lehren verratener seufzer – als er der grangebirge seiner länder müd sich endlich zu blenden entschloss – azur genug am dunkelgrund des schweigens der gedanken leicht um zwiefalt rundet und die sonne des scheiterns emportauchen lässt.

der leichte flug des leibes flach und dicht über den boden hin vom feinen schauer der halmspitzen gestreift oder haltend getragen vom weichen dunkel der nacht die geträumte kühle und darin der nördliche duft der erde die manchmal zu blähen sich scheint aber die wellen die sanft beweglichen täler und hügel die erde das land endlich in liebe gleichen sich an diesem gleiten zum morgen dann schräger anflug gegen die bäume – erwachen endlich um nicht zu stürzen.

hafen der hölle wo man uns die heuer fällt – schlafschiffe schlafbarkassen ankern schmutzumsäumt geschlossnen augs steh ich beim keeper angestellt das bleiche glück – wir habens aus dem weg geräumt. verloren liebe die zur liebe ging vergessen sonne die in saaten eingeht lichtvergessnes dunkel das sich unter uns verfing an diesem brückentor von einer kalten wolke überweht eh dieser böse mond dort hing von hunden angefleht für uns die blinden die kein feuer finden. was bellen sie und rauchen kalt und binden die alten wracks noch einmal fest: ahoi mein herz du siehst nichts wieder der anfang solcher reise ist nicht neu und auch ihr ende ist ein ende ohne rest – sie grölen weiter ihre lieder ... ahoi mein herz ahoi ...

Diese Postkarten (zum Vergößern anklicken) sind lediglich Beispiele – welches Gedicht Sie auf welchem Postkartenmotiv haben wollen, entscheiden Sie frei. Noch ein Hinweis zu Motiv Nr. 10: Auf der Karte, die Sie erhalten werden, ist der Gedichttext scharf.

Kartenrückseite, individuell

Gedichtpaten

  • Clemens Meyer: Blätter und Schatten
  • Corinna Harfouch: Matière de la poésie
  • Nancy Hünger, Gotha: abwertung eines unverständlichen gegenstands
  • Andreas Tretner, Berlin: vorschlag zur güte
  • Rockband "Laute Welt", Weimar: An einen vagabundierenden Soldaten
  • Erdmut Wizisla, Berlin: Lunare Zeilen für C.
  • Prof. Eberhard Geisler, Mainz: Die Schwelle
  • Volker Hanisch, Leipzig: fragwürdige rückkehr (altes kesselhaus)
  • Melanie Schwirz, Bad Helmstedt: Sehnsucht nach einer Orgel
  • Horst Schwirz, Bad Helmstedt: bitte
  • Steffen Janke, Langenhagen: rechenschaft
  • Dr. Frank Muttschall, Wernigerode: Gewebe
  • Katrin Hanisch, Leipzig: ich will sein
  • Dr. Birgit Dahlke, Berlin: geste
  • Jörg Kowalski, Halle/Saale: Pro domo et mundo
  • Günther Möller, Glaisin: abwesenheit
  • Karin Knöfel, Bremen: träum dir
  • Ingeborg Pabst, Halle/Saale: Aqua Alba
  • Hans-Jürgen Fritz, Berlin: episode
  • Norbert Pohlmann, Rosian: als sie noch jung waren die winde
  • Axel Große, Halberstadt: erinnerung an einen apfel
  • Dieter Kalka, Leipzig & Meuselwitz: L’île Méditérranée
  • Clara Nathaniel, Ebingen: metapher
  • Ulrike Schulte-Richtering, Köln: die sommersee
  • Dr. Constance Timm, Leipzig: Die Zisterne
  • Klaus Schmidt, Esslingen: Wir dachten an Erinnerung. (aus: W. Hilbig: Sphinx, Leipzig 2019)
  • Heiko Hilker, Dresden: ihr habt mir ein haus gebaut
  • Dr. Michael Ostheimer, Berlin: land aus geruch

Rechte & Quellen

Alle Postkarten wurden gestaltet von Toralf Schmidt, Leipzig.
Für die Zeichnungen der Motive "Fenster" und "Heizer": © Sylvia Burghold
Die Gedichte entstammen der Wolfgang-Hilbig-Werkausgabe, Gedichte (Band 1), Frankfurt/Main 2008 mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaberin S. Fischer Stiftung und des S. Fischer Verlages zur Veröffentlichung.

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Wolfgang Hilbig im Orginalton mit seinem Text "Der Leser" am 22. Juli 2002 im Hörspielstudio 2 im Berliner Funkhaus Nalepastraße, wo im Auftrag von MDR KULTUR die Aufnahmen für das Hörbuch "Der Geruch der Bücher" in der Redaktion und Regie von Matthias Thalheim stattfanden. Dieses Gedicht gelangte damals nicht in die zeitlich limitierte Auswahl der CD. – Matthias Thalheim macht es hier erstmals der Öffentlichkeit zugänglich.
Wolfgang Hilbig liest: Der Leser
Auch die Aufnahme des Gedichtes "geste" – eingesprochen von Wolfgang Hilbig 2002 im Berliner Funkhaus Nalepastraße und bislang unveröffentlicht – wird hier zum 80. Geburtstag des Dichters von Matthias Thalheim erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Wolfgang Hilbig liest: geste